Ein Morgen in der Märchenwelt

Schneeflocken, fand Vitoria, waren das schönste der Welt. Sie stand am geöffneten Fenster ihres Schlafzimmers und blickte über die Straße. Bis zum Horizont erstreckten sich das Netzt aus Kreuzungen, tummelnden Menschenmengen und über alle zog sich die zarte Schicht aus Schneeflocken, wie ein Schleier legte sie sich über den Trubel.

„Ob sie dieses Jahr wieder so zauberhaft schmecken?“ Fragte sich Vitoria.  
Jedes Jahr erwartete sie voller Vorfreude den ersten Puderzuckerfall. „Ganz bestimmt aber“ dachte sie „ schüttelt Frau Holle ihre Kissen heute länger“. 
Tief sog Vitoria die Luft ein, die dem Duft von Keksen, Zimt und Nelken ähnelte.
Vitoria ging raus in den Garten, betrachtete den, vor dem Haus,wundersamen Baum. 


Die Flocken ließen sich sanft auf seinen Blättern nieder.
Dickstämmig und zur Sonne geneigt trägt er die Währung dieser Welt 
„Die Menschen ernten, was sie sähen.“ 
Vitoria fiel der Frühstückstisch ein, welchen die Wichtelmänner liebevoll jeden Morgen decken.

Sie sah sich noch ein letztes Mal um, sah Kinder rennen, die Zunge rausgestreckt, um die süßen Flocken mit ihrem Mund aufzufangen.

Vitoria konnte nicht widerstehen, und obwohl es vor dem Frühstück strikt verboten ist, trat sie vor die Veranda, streckte auch ihre Zunge dem Himmel empor, schloß ihre Augen und erfreute sich an den süßen, nach reifem Pfirsich, schmeckenden Flocken.

Auf der Straße vor dem Haus sah sie junge Mädchen Hand in Hand mit ihren liebevollen Biestern spazieren, sich neckend, und den Kopf in den Nacken werfend, wenn sie lachten.
Oft fragte sich Vitoria, wann sie denn endlich auch von ihrem Prinzen wachgeküsst wird.

„Vitoria! Beeil dich“, piepte sie ein Vöglein an, und Vitoria zuckte zusammen. Sie drehte sich um und sah die vier Vögelchen wartend vor dem Hauseingang.
Sie hastete die Treppen zum Haus hoch, der Puderzucker unter jedem ihrer Schritte knirschend, gleich zwei Stufen auf einmal nehmend.

„Guten Morgen“, begrüßte sie die Vöglein, lachte, immernoch den süßen Geschmack auf ihrer Zunge spührend, und ging die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf. 
Die Vöglein hinter ihr, mit einem wunderschönen Kleid aus Samt, in ihren Schnäbeln.
Während sich Vitoria die Haare kämmte, ließen sie sich auf ihren Schultern nieder, sangen guten Morgen Lieder und zwitscherten die neusten Nachrichten ins Ohr.
„Hast du schon gehört, es hat sich jemand in den Wald getraut, zur Hexe“, piepte der Vogel auf der linken Schulter.
„ Wer hat sich den dort verirrt?“, fragte Vitoria.
„ Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn“, piepte das Vögelchen auf der rechten Schulter.
„ Sie haben sich der Reihe auf einander gestellt, um ins Häuschen zu gucken“, Piepte der Vogel auf der linken Schulter.
„Und wie haben sie zurück gefunden?“, frage Vitoria besorgt.
„ Sie sind den Kieselsteinen gefolgt, die sie auf den Weg gestreut haben“, piepten die Vögel im Chor.
Vitoria steckte ihr prachtvolles goldenes Haar hoch, blickte ein letztes Mal in den Spiegel, welcher ihr zuraunte : „Du bist das schönste Kind unter der Sonne“.

Mit knurrendem Magen rannte sie die Treppen hinunter, durchquerte den großen Eingangsbereich und setzte sich an den Küchentisch zu ihrer Familie, wo ein kleines Töpfchen auf sie wartete.
„Töpfchen koch“  befielt sie, und plötzlich sammelte sich auf den Grund des Topfes süßer Brei, bis der Topf voll war und hörte erst auf als Vitoria befielt: „Töpfchen, steh.“ 

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